Bedingungen gestalten statt Verhalten einfordern
Regeln, Schnittstellen, Anreize und Architekturen so gestalten, dass hilfreiches Verhalten naheliegend, attraktiv und wirksam wird.
Die Heuristik
Gute Bedingungen schaffen, statt auf gute Absichten angewiesen zu sein.
Warum das relevant ist
Wenn Zusammenarbeit schwierig wird, liegt eine Antwort schnell nahe: Menschen müssten besser kommunizieren, offener sein, mehr Vertrauen haben, Verantwortung übernehmen, teamfähiger sein, ihre Silos überwinden, kooperativer denken.
All diese Fähigkeiten können hilfreich sein. Wer nur auf das Verhalten schaut, übersieht aber eine entscheidende Frage:
Welches Verhalten wird durch die vorhandenen Bedingungen eigentlich wahrscheinlich gemacht?
Der übliche Reflex
Der Reflex ist der Appell – und wenn er nicht wirkt, der wiederholte Appell. Trainings, Leitbilder, Kulturprogramme. Häufig wertvoll – und häufig die Antwort auf ein Problem, das eher in den Bedingungen liegt als im Verhalten.
Was daraus folgt
Verhalten hat einen Rahmen. Strukturen, Rollen, Informationswege, Entscheidungsrechte, Anreize und Erwartungen beeinflussen, welches Verhalten sinnvoll, möglich und wirksam wird.
Nicht
Sei kooperativer.
Sondern
Welche Bedingungen machen kooperatives und verantwortliches Verhalten sinnvoll, wirksam und anschlussfähig?
Auf dieselbe Weise werden andere Appelle zu Gestaltungsfragen:
- Aus „Vertraut einander mehr“ wird: Welche Transparenz, Rollenklärung und Verlässlichkeit braucht es, damit Vertrauen überhaupt vernünftig entstehen kann?
- Aus „Übernehmt Verantwortung“ wird: Sind Verantwortung, Handlungsspielraum, Information und tatsächliche Entscheidungsmöglichkeiten sinnvoll miteinander verbunden?
Perspektivwechsel
Vielleicht ist mangelnde Kooperation zuerst ein Architekturproblem – und erst danach eine Frage der Einstellung.
Dazu gehört auch die Kehrseite: Destruktives oder rein extraktives Verhalten soll möglichst wenig Resonanz, Macht oder strukturellen Nutzen gewinnen.
Regeln als Ermöglichungsarchitektur
Regeln spielen dabei durchaus eine Rolle, allerdings mit veränderter Funktion: Sie gestalten die Architektur eines gemeinsamen Raums. Moralische Vorschriften für erwünschtes Verhalten treten dahinter zurück.
Eine gute Regel beantwortet dann beispielsweise:
- Wer darf worüber entscheiden?
- Woran ist sichtbar, aus welcher Rolle jemand handelt?
- Welche Informationen müssen zugänglich sein?
- Was muss gemeinsam abgestimmt werden?
- Was darf autonom geschehen?
- Wann entsteht eine Verpflichtung?
- Welche Folgen hat eine Entscheidung für andere?
Der Prüfpunkt lautet:
Welche Art von Entwicklung macht eine Regel wahrscheinlicher?
Grenzen
Haltung bleibt wichtig; Architektur ergänzt sie. Jede Struktur kann gutes Zusammenwirken nur begünstigen und Missbrauch nur erschweren. Die Heuristik behauptet lediglich: Die Gestaltung der Bedingungen ist der häufiger übersehene Hebel.
Kooperation darf dabei durchaus auf wechselseitigem Nutzen beruhen. Geben und Nehmen brauchen keinen Altruismus, solange die entstehende Beziehung für die Beteiligten und den gemeinsamen Raum tragfähig bleibt.
Verwandte Heuristiken
- Treuhänderschaft – Verantwortung braucht passende Handlungsmöglichkeiten.
- Entstehung ermöglichen – Bedingungen müssen sich verändern dürfen.
- Lose Kopplung – eine der wirksamsten Bedingungen überhaupt.